oder Argentinien

ausgezeichnet mit dem Förderpreis der Landesbühnen 2008

Uraufführung am 18. Februar 2010 im Theater Hof
eingeladen zu den Bayerischen Theatertagen 2010 in Regensburg
www.bayerische-theatertage.de

Auszug: ein Teil von Bild 2


2. Eins und eins
Anne, Johannes, Margret, Gregor
 

Anne Da seid ihr ja wieder,
Johannes  braungebrannt,
Anne gut seht ihr aus.
Margret Ja.
Anne Argentinien, ein tolles Land,
Gregor oh ja,
Johannes riesig,
Anne sehr riesig. Als ich damals,
Johannes wie lange ist das jetzt her, dass du,
Anne lange, sehr lange 
Johannes  hat dir gut getan, die Reise, 
Anne  ja, 
Johannes  also 
Anne   müsst uns unbedingt erzählen,
Johannes  später, 
Anne  wie alles so war. 
Johannes  Aber jetzt erstmal, 
Anne  ja, 
Johannes  das Wichtigste: 
Margret  Nein.
Anne

Doch. Es hat geklappt. Ich sage euch,

Johannes  es war ein langer Prozess, 
Anne  aber Johannes hat es geschafft. 
Johannes Ach wo, Anne untertreibt mal wieder.
Gregor  Typisch. 
Johannes Typisch Frau. Machen sich immer kleiner, als sie sind. Im Grunde ist es
allein Annes Verdienst,
Anne ach wo,
Johannes ach doch,
Anne ich hab doch bloß im Hintergrund agiert.
Johannes Im Hintergrund, da seht ihr es, immer bescheiden, die entscheidende
Schlacht hat sie gewonnen, ganz klar, 
Anne aber ist das nicht eine Neuigkeit???
Margret Ja.
Gregor Sehr,
Margret schön für euch.
Gregor Dann rollt der Rubel jetzt,
Johannes voraussichtlich, 
Anne  wir denken schon. 
Johannes  Wir sind sicher, das ist der Durchbruch,
Anne  in die A - Liga. 
Margret  Na dann. 
Gregor  Auf euch! 
-  
Margret  Wir haben auch eine Neuigkeit. 
Gregor  Schatz, 
Margret  ja, was ist? 
Gregor Nichts. 
Anne  Du hast den Job in Hamburg, 
Gregor nein.
Johannes Margret wird befördert?
Margret Wir bekommen Zuwachs.
-  
Anne Ha,
Johannes ha.
Anne Ja,
Johannes oha.
Anne Das ist ein Scherz,
Johannes nehme ich an.
Margret Ja, genau. Wir bekommen einen Hund.
Gregor Um genau zu sein, zwei.
Anne Ich dachte schon,
Johannes  und ich erst.
Anne Ihr habt uns vielleicht einen Schrecken eingejagt, aber ein Hund,
Johannes na ja, wer es mag.
Anne Ich würde mir das trotzdem gut überlegen.
Johannes Das kostet ein Vermögen und
Anne so lange Reisen sind nicht mehr möglich,
Johannes denkt an euer weißes Sofa,
Anne  das ist im Eimer,
Johannes der scheißt euch die Bude zu.
Anne Das dauert, bis die trocken sind.
Johannes Ein Hund bindet über Jahre.
Margret Zwei!
Anne Zwei gleich.
Johannes Nach dem Motto,
Anne wenn dann richtig,
Johannes sauber.
Anne Pudel sind sehr sauber.
Margret Mag ich überhaupt nicht. Dieses lockige, krause Fell,
Johannes furchtbar,
Anne überhaupt nicht.
Johannes Dann schon eher ein Dackel,
Anne pfui,
Johannes aber pflegeleicht. Und das ist das Wichtigste, dass sich die Viecher
deinen Lebensgewohnheiten anpassen. Und man nicht dauernd diese
Hundehaare auf dem Sofa hat. 


"Es ist unterhaltsam, provoziert viele Lacher, aber es hat einen ernsten Kern, trifft den Nerv der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion."

(Mittelbayerische Zeitung, 4. Juli 2010)

Ein "feines, leichtes Stück", das sich "durch gute Dialoge auszeichnet." 
(Frankenpost, 20. Februar 2010)




 
www.dreimaskenverlag.de

+ Kritiken

 

Der K.O. im Boxring der Beziehungstäter

Das Theater Hof zeigte "oder Argentinien", eine Ehegeschichte von Alexandra Helmig.
Von Ulrich Kleber, MZ

REGENSBURG. Argentinien deklassiert - aber nur im Fußball. 90 Minuten nach dem Abpfiff in Südafrika geht es in Regensburg auf der Bühne des Velodroms weiter mit einem prächtigen Theaterstück, das den etwas rätselhaften Titel "Oder Argentinien" trägt. Zu sehen sind: zwei Ehepaare und ein Liebhaber. Das ferne Land ist für sie Fluchtpunkt und Sehnsuchtsziel für einen Neustart nach dem Scheitern. 

Wenn man großen Beziehungsdramen wie Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" oder Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" im Kopf hat, könnte man das Stück der jungen, in München lebenden Schauspielerin und Autorin Alexandra Helmig zunächst als nettes Drehbuch für eine Seifenoper des Fernsehens lesen, wenn da nicht tückische Fallstricke eingebaut wären: Ein lockeres, mit witzigen Pointen gespicktes Plaudern um unterschiedliche Lebensentwürfe.

Ehrgeizige Karriere-Frau mit Schickeria-Leben; der Ehemann tickt ähnlich, ist ein bisschen langweilig, aber dafür gibt es ja den jungen Lover; Kinder undenkbar, sie sind nur störend. Das Kontrastprogramm: Schwangerschaftsseligkeit, Elternglück und damit einhergehende Infantilisierung. Verraten sei: Beide Modelle klappen nicht, am Ende sind alle Beziehungen kaputt.

Spätestens wenn in einem Wutausbruch ein wertvolles Gemälde zerschlitzt wird, denkt man an Yasmine Reza, die ihre Stücke ebenfalls in einem gutbürgerlichen Milieu spielen lässt - und die die Mittel des Boulevardtheaters zu nutzen weiß, dabei aber keineswegs platt wird. Das gilt auch für das Stück von Alexandra Helmig. Es ist unterhaltsam, provoziert viele Lacher, aber es hat einen ernsten Kern, trifft den Nerv der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion.

"Oder Argentinien" wurde 2008 mit dem "Förderpreis der deutschen Landesbühnen" ausgezeichnet, die Uraufführung erfolgte vor wenigen Monaten am Theater Hof. Das Konzept von Regisseurin Helga Fleig ist stimmig. Es setzt auf Stilisierung. Schlaglichtartig reihen sich die Szenen aneinander. Es gibt keine Wohnzimmer-Idylle, die Bühne bleibt fast kahl, nur ein leicht erhöhtes, rundes Podest wird sichtbar - der Begriff "Boxring" ist hier wörtlich genommen worden. Auf leichtes Geplänkel folgen bald grobe Treffer. Man merkt, dass Autorin Alexandra Helmig selbst Schauspielerin ist; ihr Text ist Zucker für die Darsteller, alle Rollen gleich bedeutsam. Das Quintett aus Hof bietet eine stimmige Ensembleleistung, niemand fällt ab.

Ehepaar 1: Anne und Johannes, die Erfolge als Galeristen feiern. Nina Machatz und Peter Kampschulte geben dieses mondäne Paar, sie sind jovial und zugleich überheblich, boshaft in ihren Sticheleien. Opfer ist Ehepaar 2: Margret (Lydia Fuchs) und Gregor (Jens Hollwedel) bekommen Zwillinge und gehen (zunächst) geradezu in ihrer neuen Elternrolle auf.

Doch dann wird genüsslich durchexerziert, wie die Positionen brüchig werden, sich die Konstellationen zwischen den befreundeten Paaren verändern. Herrlich temperamentvoll ist Nina Machatz beim Ehekrach, schreiend komisch ihr auf zwei Stunden limitiertes Stelldichein mit dem unvermutet störrischen Liebhaber (John Peter Altgelt).

Der schön sarkastische Peter Kampschulte zelebriert richtig lustvoll das Zerplatzen aller Ehelügen. Höchst amüsant sind Lydia Fuchs und Jens Hollwedel, wenn sie den Frust überstrapazierter Eltern schrill karikieren. Wiedererkennungseffekte für die Zuschauer sind garantiert!

( Mittelbayerische Zeitung, 04.07.2010)

 

"Das Stück umgreift in kurzem, prägnanten Dialog-Stakkato das Beziehungselend im Deckmantel eines übersteigerten Wir-Gefühls. Am Ende befreit sich Anne von Johannes wie von einem alten Pflaster. In einem kräftigen Moment zertrennt sie das Beziehungs-Geflecht. (...) Stellung bezieht das Stück nicht. Ob ein Leben mit oder ohne Kinder, mit Ehrgeiz- oder Neigungs-Beruf besser ist, bleibt (zum Glück) offen. "Oder Argentinien" summt im Subtext immer die gleichen Fragen: Wie lebst du? Und willst du es so? Allein? Zu zweit? Oder zu dritt? Wie viel Freiheit brauchst du? Wie drückst du das aus?" (Nordbayerischer Kurier, 26. Februar 2010)